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Funktionelle Osteopathie als scheinbarer Gegensatz zu Struktureller Osteopathie

Albert Einstein sagte schon: "Wissenschaft muß einfach erklärt werden – aber nicht zu einfach."

In diesem Sinne zuallererst eine etwas zähe und schwerverdauliche Definition eines an und für sich sehr flüssigen und eleganten Behandlungsstils:
Bei der Funktionellen Osteopathie wird der therapeutische Schwerpunkt auf die einstimmende Umsetzung von Spannungsmustern in den Lebensvorgängen des individuellen Patienten gelegt. Die einfachere Definition: bei der Funktionellen geht es eher um die Kontaktnahme zu lebendigen "Zielfunktionen" also nicht vornehmlich um die Behandlung erkrankter Zielstrukturen. Noch reduzierter können wir sagen: es geht mehr um das "wie?" als um das "was?".

Bei der Strukturellen Osteopathie ist eine Begriffsbestimmung schon einfacher: in ihr geht es um die Auffindung und allgemeingültige Korrektur von Fehlstellungen im Körpergefüge.

Vereinfacht gesagt orientiert sich der/die funktionell arbeitende OsteopathIn so sanft und so sicher wie möglich an den Wirk- und Spannkräften, die in den Lebensäußerungen der Gewebe spürbar sind. Die Behandlungsimpulse gehen somit in Richtung der physiologischen Pulsationen und in die pathologischen Läsionsmuster hinein. Über geeignete Kontaktnahmen, Positionierungen und Wechselbeziehung mit der "Gewebeantwort" wird die Selbstheilung des Bindegewebes erleichtert und ermöglicht.

Der strukturell arbeitende Osteopath geht mit einem der Situation angemessenen – manchmal auch intensiverem - Kraftaufwand gegen die Spannungsverhältnisse, also auch häufig gegen die motorische "Barriere" aus der Läsionsstellung heraus und manipuliert so - im besten Sinn des Wortes – das Gewebe hin zu seiner vorgestellten Idealposition und Funktionalität.

Wer beide osteopathische Richtungen erlernt, erfahren und erprobt hat, weiß, dass ihre Vorgehensweise diametral entgegengesetzt ist und doch das Behandlungsergebnis häufig sehr ähnlich.

Die Praxis zeigt, dass die Kombination beider Stile sich hervorragend miteinander verbinden läßt. Und doch wird es häufig zur "Weltanschauung", ob jemand sich eher als FunktionalistIn oder StrukturalistIn sieht.

Die überzeugte FunktionalistIn geht davon aus, dass die strukturelle Unordnung lediglich eine Folge der wirkenden Spannungsmuster darstellt: Funktion bestimmt die Form. Ein respektvolles Eingehen auf die innere Richtung und die Möglichkeiten des Patienten ist somit heilsamer und andauernder als ein kurzer Ruck, der durch das immer noch verstellte Spannungsgefüge wieder dazu neigen wird, über kurz oder lang in die Fehlstellung zurückzukehren.

Korrigierende Manipulationen werden dann schnell als plumpe symptomatische Behandlung disqualifiziert, ohne jede ganzheitliche Erwägung und Einbeziehung der Lebensbedingungen, Lebensweise und Einstellung des Patienten. Die therapeutische Kernaaussage der funktionellen Ausrichtung entspricht einem Zitat William Garner Sutherlands: "Erlaube der inneren physiologischen Funktion ihre unfehlbare Kraft zu manifestieren statt eine blinde Kraft von außen anzuwenden."

Ist die eine Richtung eher weiblich, die andere eher männlich orientiert? Die eine eher indirekt , die andere direkt? Bestimmt das Bewusstsein das Sein oder umgekehrt das Sein das Bewusstsein? Liegen die Heilungschancen unserer Patienten eher im Bereich Ihrer "Software" oder Ihrer "Hardware"? Wer war zuerst da: die Henne oder das Ei?

So unsinnig eine solch polarisierende Fragestellung ist, so weitreichende Konsequenzen hat der Konflikt zwischen beiden Richtungen auf die Verbreitung der Osteopathie als effizenteste Form der manuellen Behandlung in breiter Anwendung.

Beispielhaft typische therapeutische Repräsentanten beider Richtungen sind im Funktionellen Sektor die Craniosakrale Körperarbeit und im Strukturellen Sektor die HVLA(High Velocity – Low Amplitude)-Impulstechniken, das sogenannte manualtherapeutisch-chirotherapeutische "Knacken".

Der eigentliche Grund dafür, dass beide Herangehensweisen unter dem vereinigenden Dach der Osteopathie zusammengefasst sind, ist ihre gemeinsame historische Entwicklung aus den Anfängen im Amerika des neunzehnten Jahrhunderts bis heute. Schon zu Andrew Taylor Stills Zeiten wurde die innere Spannung zwischen beiden Behandlungsstilen deutlich, obwohl sie in seiner eigenen therapeutischen Arbeit wirksam miteinander verflochten wurden. Bei seinen Schülern und Nachfolgern allerdings wurde es zu einer Art Glaubensfrage, ob der jeweilige Osteopath sich zu den "Strukturalisten" oder zu den "Funktionalisten" zählte, was den israelischen Osteopathen Alain Abehsera DO auch zur Formulierung seines Essays "The One Hundred Years Osteopathic Wars" veranlasste.

cura macht es sich da einfacher: wir wollen aus diversen Gründen den strukturellen Aspekt unserer osteopathischen Arbeit nicht in den Vordergrund stellen, u.A. weil viele unserer Teilnehmer schon eine manualtherapeutische Ausbildung durchlaufen haben und damit die Strukturelle kennen. Vor allen Dingen haben wir keinen Anspruch auf Komplettierung aller osteopathischen Methoden in der Ausbildung (unrealistisch) und wollen auch keine universalitäts-suggerierenden Titel verleihen. Für uns ist Funktionelle Osteopathie das "wirksame Wesentliche" unserer Arbeit, das, was wir am besten können und das, von dem wir denken, es bestmöglich vermitteln zu können.